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Durchleuchtet

Ehrlich fragen, authentisch glauben

Wie (un)christlich ist der Humanismus?

Der Schriftsteller in mir weiß: Ein Held ist nur so groß wie sein Gegenspieler. Je scharfkantiger der Antagonist, umso packender die Story.

Auch das Christentum findet immer wieder antagonistische Mächte, die sich der Ausbreitung des Reiches Gottes in den Weg stellen. In kommunistischen Ländern ist es der atheistische Staat, in muslimischen Ländern sind es radikalisierte Islamisten, in Afrika unzurechnungsfähige Diktatoren, in den USA der jeweils amtierende Präsident (sofern er von den Demokraten ist …).

Wir europäischen Christen tun uns schwerer, einen eindeutigen Antagonisten zu finden. Wahrscheinlich deshalb, weil das Christentum hier lange Zeit die Kultur dominiert hat.

 

Ein Gegner, der uns Identität gibt

Doch vor wenigen Jahren haben ihn die Freikirchen entdeckt, den ultimativen Gegenspieler – die kaum zu bändigende Macht, die unseren Kontinent infiltriert hat, ohne dass die Menschen etwas davon gemerkt haben. Noch können wir dieses wandlungsfähige Wesen in seiner ganzen Verwegenheit nicht erfassen, aber wir haben zumindest schon seinen Namen herausgefunden: Es nennt sich "Humanismus".

Kaum zu glauben, an welchen Stellen man ihn findet, wenn man den Gegenspieler einmal identifiziert hat: Ein Mensch versucht sich anständig zu benehmen – klarer Fall von humanistischer Prägung! Wissenschaftler präsentieren neue Erkenntnisse, ohne dabei Gott zu erwähnen – Zeichen der schädlichen Auswüchse des Humanismus! In Gemeinden ist verstärkt von "wohlfühlen" die Rede – beängstigende Spuren des humanistischen Geistes in unseren Reihen!
Der Vorteil eines so übermächtigen Gegenspielers ist, dass man die eigene Weltanschauung klarer definieren kann. Christlich ist dann alles, was eben nicht humanistisch ist. Und dafür stehen wir ein!

 

Warum die Dinge nicht so eindeutig sind

Der Nachteil liegt darin, dass man die vielen Überschneidungen übersieht. Besondere Wertschätzung für den Menschen; Rücksicht auf die Schwachen; Verantwortung für die Schöpfung; Gebrauch des Verstandes; friedliche Lösungen statt "einer frisst den anderen" - das sind Werte des Humanismus und Grundpfeiler unserer westlichen Gesellschaft. Doch es sind ebenso Werte des Neuen Testaments. Ist uns das noch bewusst oder ignorieren wir es, weil es uns die Abgrenzung von der finsteren Welt erschwert?

Einige Jahre lang habe ich in einer Jüngerschaftsschule über dieses Thema gelehrt. Dort stellte ich den Humanismus als fünfarmige Krake dar, die nach unserer westlichen Seele greift (jeder Arm stand für einen untergeordneten "-ismus" wie Individualismus oder Relativismus – sehr kreativ!). Heute ist es mir peinlich, davon zu erzählen. Denn mir ist klargeworden, dass es unter anderem Christen waren, die diese "Krake" losgelassen haben.

Die Geschichte des Humanismus ist ohne die Reformation nicht denkbar. Es löste eine regelrechte Bildungsrevolution aus, als Menschen durch das Lesen der Bibel zu mündigen Christen und Bürgern wurden. Es gab soziale Innovationen im Pietismus und Einflüsse von Erweckungsliedern auf die deutsche Literatursprache. Das Christentum hat unsere Gesellschaft in vieler Hinsicht humanistischer gemacht. Sicher gab es auch atheistische Strömungen: Philosophen, die eine Loslösung des Menschen von Gott propagierten. Aber das ist eben nur eine von mehreren Strömungen. 

Ja, das alles ist so eng miteinander verwoben, dass man nur schwer zwischen geistlich und weltlich unterscheiden kann. Der Humanismus ist in seinem Kern weder eine fromme Bewegung noch eine antichristliche. Sie hat schlicht den Menschen als ein wertvolles, eigenständiges Wesen herausgestellt, das den Naturkräften nicht hilflos ausgeliefert ist. Und das hat die westliche Gesellschaft in vieler Hinsicht dem biblischen Ideal nähergebracht.

 

Gott, der Humanist

Heute sage ich auf Seminaren gerne: "Dass Gott als Mensch auf die Erde kam, macht ihn zum größten Humanisten aller Zeiten." Damit nehme ich in Kauf, dass wir kein klares Feindbild mehr haben, auf das wir uns stürzen könnten. Aber ich öffne den Blick für all das Gute, das die Kraft des Evangeliums in einer Gesellschaft hervorbringen kann. In anderen Kulturen (wo es noch "echte" Gegenspieler gibt) würden sich die Christen vieles von diesem Humanismus wünschen.

 

 

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